Freitag, 28. April 2006
Literatur. Gawriil Dershawin
1743: Gawriil Dershawin geboren (3./14.7., gest. 1816).



Gavrila Dershawin bildet den Höhepunkt der russischen Lyrik des 18. Jahrhunderts.
Er ist v.a. durch seine Odendichtung hervor getreten. Beeinflußt wurde er sowohl von den Lehren Lomonosovs wie von denen Sumarokovs. Dies betrifft v.a. die Ode, die mit Dershawin neue Funktionen erhielt. Neben den Oden hat er Gelegenheitsgedichte, Liebesgedichte, Scherzgedichte verfaßt.

Eine frühe Arbeit war die Übersetzung von vier Oden Friedrichs des Großen (1776). Noch in seinen späten Jahren (1804) schrieb er anakreontische Lieder (Anakreontičeskie pesni, 1804).
In seiner Ode Felica (1783) wird Katharina II. in einer exotischen Verkleidung als Herrscherin der Kirgis-Kajsakischen Horde besungen. Es handelt sich dabei um eine Ode, die die Tugenden der weisen und bescheidenen Herrscherin besingt. Felica gehört zu den Derzavinschen Gedichten (Blagodarnost’ Felice [Dankbarkeit gegen Felica], 1783; Izobrazenie Felicy [Darstellung der Felica], 1789), in denen Katharina als ideale, aufgeklärte Herrscherin gefeiert wurde. Ihr gegenüber die Schar von Würdenträgern, die kirgisischen Murzy, die sich der Eitelkeit und weltlichen Genüssen ergeben. Der Name Felica (lat. felix, felicitas) stammt aus dem didaktischen Märchen vom Zarewitsch Chlor (Skazka o careviče Chlore, 1781). Katharina hatte es für ihren Enkel Alexander verfaßt. Die Kaiserin empfing Derzavin und schenkte ihm eine goldene Tabakdose sowie 500 Dukaten. Damit begann seine Karriere. Sie brachte ihm den Gouverneursposten in Olonec und Tambov ein.
Von 1791 bis 1793 war er Kabinettssekretär Katharinas.
1802 machte ihn Alexander I. zum Justizminister, dieses Amt hatte er bis 1803 inne.

Felica vermittelt den Glanz der Katharinensischen Zeit. Die Ode entfaltet jenen Prunkstil, wie er für die Barockdichtung typisch war. Es wird berichtet, wie bei den Festessen die Tische von Silber und Gold glänzen und sich unter Tausenden von Speisen biegen. Die Würdenträger fahren in der prächtigen, mehrspännigen, goldenen englischen Kutsche umher, sie vergnügen sich mit einem Hund oder einem Hofnarren, einem Freund oder einer schönen Dame unter Schaukeln oder jagen, wenn es ihnen langweilig wird, auf geschwindem Renner dahin, die Mütze keck auf dem Ohr ....

Durchaus kritisch stellt sich Dershawin gegenüber den Würdenträgern (etwa dem Fürsten Potemkin in Vel’moza (Der Würdenträger, 1794). Seinem Tod freilich widmet er die Ode Vodopad (Der Wasserfall, 1791-1794). Darin kontrastiert Dershawin den Glanz eines Wasserfalls (als Bild für das Leben und die Taten der Großen) dem Bild des Baches als Ausdruck des Einfachen, Bescheidenen.
Weitere Gedichte: Pavlin (Der Pfau, 1795, Schilderung des schön-beschränkten Vogels als Sinnbild des „geistlosen Edelmannes“).
Zu den geistlichen Gedichten gehört die bereits früh vielfach übersetzte Ode Bog (Gott, 1784). Darin wird, gemäß physikotheologischen Argumenten, eine Vorstellung von Gott gegeben, die vermutlich auf Voltaires Ode "Le vrai dieu" zurückgeht. Wohl ist der Mensch vor Gott ein Nichts, aber die Größe des Menschen läßt auf den Schöpfer schließen: „Ich bin Zar, bin Sklave, bin Wurm, bin Gott! (Ja car’ – ja rab ja cerv’ – ja bog!“), heißt es, und: „Ich bin – und also bist auch Du.“

In den 90er Jahren widmet sich Dershawin dem anakreontischen Genre: Krezov Brot (Des Krösus Eros), Pčelka (Das Bienchen, beide 1796); das lautspielerische Gedicht Solovej vo sne (Die Nachtigall im Traum/Schlaf, 1797) unter Verzicht auf das Phonem r, aber unter häufiger Verwendung der euphonischen Phoneme s, l und v.



Einige Gedichte haben einen ausgesprochen petrarkistischen Charakter (Stansy), zunächst 1776 anläßlich der Ankunft der Braut des Thronfolgers verfaßt.
1776 übersetzte er drei Sonette aus Petrarcas Canzoniere (Nr. IX [Posylkaplodov/Früchtegeschenk], XIX [Progulka/Spaziergang] und XXXV [Zadumčivost']).

Dershawin verfaßte zahreiche andere Gedichte, in denen er u.a. seine Vorliebe für Laut-Spielereien zum Ausdruck bringt (Na Bagrationa, Auf Bagration, 1806), ebenso Versus cancrini, also rückläufige Verse, darunter das berühmte Ich komme, Richter, mit dem Schwert.

Im Alter versuchte Dershawin eine umfassende Dichtungslehre, Rassuzdenie o liričeskoj poezii (Abhandlung über die lyrische Poesie, 1811/12 ) zu schreiben.

Gott


Du, größer als des Weltalls Weiten,
Du Inbegriff der Allgewalt,
Du, der du bist von Ewigkeiten,
Gestaltlos, dreifacher Gestalt!
Allgegenwärtiger, All-Einer,
Der erdgebornen Menschen keiner
Ermißt dich, ursachloser Geist;
Von dir wird alles Sein durchdrungen,
Gebaut, erhalten und umschlungen,
Der du allein der Heil'ge heißt.

Wer zählt die Tropfen in dem Meere?
Wer mißt der Sterne Licht und Strahl?
Und selbst wenn solches möglich wäre -
Für dich gibt's weder Maß noch Zahl.
Die Geister, die im Lichte leben,
Den Thron der Herrlichkeit umschweben,
Ermessen deine Tiefe nicht.
Sucht der Gedanke dich zu finden,
Er muß in deinem Licht erblinden -
Ein Irrwisch vor dem Sonnenlicht.

Du riefst vor dem Beginn der Zeiten
Das Chaos aus der ew'gen Nacht.
Du hast vor allen Ewigkeiten
Die Ewigkeit hervorgebracht.
Du hast dich in dir selbst gegründet,
Du hast dein Licht aus dir entzündet
Und strahlst in deines Lichtes Schein.
Du ließest deinen Atem wehen,
Dein Wort ließ diese Welt entstehen.
Du warest, bist, wirst ewig sein.

Was lebt, ist Schöpfung deiner Hände,
Erhalten durch dein Machtgebot;
Zum Anfang wird in dir das Ende,
Du schenkst uns Leben durch den Tod.
Wie Funken sprühn, wenn Flammen toben,
So sind aus dir hervorgestoben
Die Sonnen, Abbild deiner Macht.
Wie Rauhreif glitzert, blitzt und funkelt,
So leuchtet, wenn's hienieden dunkelt,
Tief unter dir der Sterne Pracht.

Die Sonnen ziehn zu Millionen
Durch die Unendlichkeit die Bahn;
Sie strahlen Licht in alle Zonen,
Wie sie's Äonen schon getan.
Doch diese angezünd'ten Feuer,
Die Flammenglut, so ungeheuer,
Daß ich's zu denken nicht vermag,
Die Licht-, die Brand-, die Feuerwogen
Allüberall am Himmelsbogen -
Sie sind vor dir wie Nacht vorm Tag.

Der Sterne ungezählte Herde -
Ein Tropfen ist's im Meer für dich.
Doch was ist dann die kleine Erde,
Und was ist, Gott, vor dir mein Ich?
Könnt' ich millionenfach vermehren
Die Myriaden Himmelssphären
Und Kraft und Glanz des Sternenlichts -
Dies alles würde doch nicht reichen,
Sie nur von fern dir zu vergleichen.
Doch was bin ich vor dir? Ein Nichts!

Ein Nichts! Doch deine ew'ge Güte
Bestrahlt mit ihrem Reichtum mich.
In meinem endlichen Gemüte,
Herr, spiegelst du unendlich dich.
Ein Nichts! Doch fühle ich das Leben,
Mich drängt ein unstillbares Streben
In immer höh're Höhn dir zu.
Die Seele dürstet, dich zu finden,
Und endlich wagt mein Geist zu künden:
»Ich bin - und also bist auch du!«

Du bist! So spricht der Sterne Reigen,
Und auch mein Geist, mein Herze spricht's,
Und die Vernunft muß es bezeugen:
Du bist! - Und ich bin nicht mehr Nichts,
Ich bin ein Teil im Weltgetriebe,
Ich bin gesetzt von deiner Liebe
In jene Mitte allen Seins,
Wo sich das Körperhafte endet,
Die Schöpfung sich zum Geiste wendet -
In mir ward Geist und Körper eins.

In mir fügt sich das Weltenganze,
Ich bin der Gipfel der Natur,
Die Blüte in des Lebens Kranze,
Band zwischen Gott und Kreatur.
Mein Leib, er muß zu Staub zerfallen,
Mein Geist befiehlt den Donnern allen -
Ich - Zar und Knecht, ich - Wurm und Gott!
Doch ob ich gleich so hoch geehret,
Viel ist zu wissen mir verwehret,
Und leicht wird mein Verstand zu Spott.

Von dir, o weiser Schöpfer, habe
Ich alles, was ich hab' und bin,
Du bist der Geber aller Gabe,
Des Lebens Leben und sein Sinn.
Dein Wille muß an mir geschehen,
Und durch das Tal des Todes gehen
Muß, was unsterblich ist an mir.
Mein Geist, in Sterblichkeit gekleidet,
Kehrt, wenn der Leib den Tod erleidet,
Zurück zur Ewigkeit, zu dir.

Du bleibst verborgen, unzugänglich,
Und meines inn'ren Auges Kraft
Ist, dich zu schauen, unzulänglich,
Ich ahne dich nur schattenhaft.
Und doch kann ich dich dadurch preisen,
In aller Schwachheit Dienst erweisen,
Daß sich mein Herz im Lob ergießt,
Daß Geist und Seele zu dir streben,
Daß sie in deinem Licht verschweben,
Daß dir des Dankes Träne fließt.


1780/84
Übersetzt von Ludolf Müller
In:
Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten. Ausgewählt und eingeleitet von Efim Etkind; Serie Piper 1987

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