Montag, 1. Mai 2006
Musik. Bulat Okudschawa (1924-1997)
Bulat Okudschawa.



Nach Kriegsdienst und Arbeit als Lehrer und Journalist war Okudschawa in den sechziger Jahren der bekannteste sowjetische Liedermacher. Seine Gitarrenlyrik wurde seit den 60er Jahren durch den Magnitisdat außerordentlich wirksam.
Mithilfe der Tonbänder verbreitete sich die Lyrik mit einer gewaltigen Geschwindigkeit. Durch sie wurde das Genre Gitarrenlyrik zum kulturellen und gesellschaftlichen Ereignis. Es schuf Elemente des Demokratischen in der Öffentlichkeit und setzte emanzipatorische Kräfte frei.
Während des „Tauwetters“ trat Anfang der 60er Jahre eine neue Dichtergeneration hervor. Zu ihr gehörte neben Bella Achmadulina, Jewgenij Jewtuschenko und Andrej Wosnesenskij auch Bulat Okudschawa.
Okudschawa begründete jenes Genre, das sich in der Einheit von Text, Melodie und Interpretation ein und desselben Autors manifestierte.
Eine bedeutende Voraussetzung für den Durchbruch des Genres Gitarrenlyrik war die „Rehabilitierung“ der Gitarre als Musikinstrument. In den 30er und 40er Jahren war sie als Symbol des Zigeunertums und der Gaunerwelt denunziert worden und deshalb offiziell verfemt. Die sowjetische Literatur- und Musikkritik diffamierte Lieder mit Gitarrenbegleitung bis zum Ende der 60er Jahre als „kleinbürgerliches Relikt zurückgebliebener Bevölkerungsschichten“.

1962 lasen 17 russische Lyriker vier Stunden lang vor 11 000 Zuhörern:
„Von der Bühne erschallte das, was man nicht drucken durfte. Wir weigerten uns, vorher die Texte zu zeigen ... Welch neuer Zweig geistiger Kultur wurde gerade in unserem Land und gerade im 20. Jahrhundert geboren? Ich denke, das ist der öffentliche Gedichtvortrag von Dichtern vor großen Auditorien.“ So charakterisierte der zu den russischen Kult-Dichtern der 60er Jahre gehörende A. Wosnessenskij jene Zeit. Für die in den 60er Jahren zunehmend mündlich orientierte Kommunikation zwischen Dichter und Publikum war die Gitarrenlyrik mit ihrer musikalischen Komponente prädestiniert. Sie ermöglichte eine Unabhängigkeit von der staatlichen Zensur.
Die lyrische Innovation der 60er Jahre, insbesondere für die Gitarrenlyrik, bereiteten die Studentenlieder der Tauwettergeneration vor: allen voran Jurij Wisbor und Julij Kim. Damals war das Moskauer Staatliche Pädagogische Institut Zentrum des Studentenliedes. Seine Studenten wie Okudschawa, der durch den Stalinschen Terror seinen Vater verlor, waren von der Entstalinisierung persönlich betroffen.
„Bei uns entstanden die Lieder von Bulat Okudschawa, Alexander Galitsch, Julij Kim, Wladimir Wyssozkij und anderen neuen Barden in den Jahren des ‚Tauwetters’ zuerst als spontaner, halbbewußter und dennoch direkter Widerstand gegen die triumphal-pompöse Lügenkunst... Darin wurden die berühmten Sänger vorbereitet und begleitet von der Singbewegung der Geologen, Studenten und ‚Neulanderoberer’.
Die beweglichen jungen Gemeinschaften entfernten sich von der herrschenden ‚industriell’ standardisierten Zivilisation, von den trostlosen Schablonen der Propaganda und jeglicher geplanter ‚Kulturarbeit’, wurden nicht selten zu Quellen der Freiheit. Sie singen unterwegs und in der Freizeit, wie immer unter ähnlichen Umständen in Rußland gesungen wird ... Und meistens begleitet gerade die Gitarre solche Sänger“, schrieb Lew Kopelew 1978 in Erinnerung an Alexander Galitsch.



Lew Kopelew

Das Genre Gitarrenlyrik erlebte nach 1980 und vor allem mit den Gorbatschowschen Reformen einen neuen Aufschwung.
Okudschawa begann nach achtjähriger Pause wieder Lieder zu schreiben und trat mit der Gitarre auf. Im Februar 1986 trug er erstmals öffentlich seine Gedichte und Lieder über Stalins Verbrechen vor. 1986 erschien das erste Plattenalbum von Wyssozkij. 1988 wurde Galitsch offiziell rehabilitiert und eine erste Schallplatte von ihm produziert. Ende der 80er Jahre entwickelte sich die Gitarrenlyrik zur offiziellen Massenkultur. Aus den Verfemten wurden nun Klassiker, die in den Staatsverlagen gedruckt wurden. Sie erhielten hohe staatliche Auszeichnungen, man setzte ihnen Denkmäler und richtete Museen für sie ein.
(Bild: Lew Kopelew: telegraf.citycat.ru)

Nach:
Russische Liedermacher: Wyssozkij, Galisch, Okudschawa, Russ.-dt., Übers. K. Borowsky, Nachwort K. Lebedewa, Stuttgart 2000, S. 192-207

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